Energie ist nicht billig

Auch wenn die wahren Kosten der Energie kaum zu ermitteln sind, ist Energie doch niemals billig. Dass wir die erneuerbare Energie in jedem Fall bezahlen können, hat sich längst herausgestellt. Die Kosten sind also nicht das Problem. Ein Kommentar von Detlef Koenemann.

Seit einiger Zeit wird darüber diskutiert, ob es preisgünstiger sei, die Wohnung mit Solarstrom oder mit Solarwärme zu heizen. Photovoltaik und Solarthermie stehen also in Konkurrenz zueinander. Ähnliches gilt für die solare Nahwärme. Soll man ein großes Solarkollektorfeld neben einer Siedlung aufstellen? Oder lieber einen photovoltaischen Solarpark, dessen Strom eine Großwärmepumpe antreibt?

Wie zwei Beiträge in den beiden Solarthermie-Jahrbüchern 2020 und 2021 zeigen, sind die Unterschiede eigentlich gering. Die Frage nach den Kosten wird also überbewertet. Das gilt eigentlich für die gesamte Energiediskussion, wie das Beispiel der Kernenergie zeigt.

Vor 40 Jahren war der Ausbau der Kernenergie in Deutschland in vollem Gange, aber höchst umstritten, und der Streit wurde auch über den Preis geführt. Die Befürworter rechneten die Kernenergie schön und kamen auf zwei Pfennig pro Kilowattstunde, die Gegner rechneten mit den Kosten eines GAU sowie mit einer extrem aufwendigen Endlagerung und kamen auf zwei Mark pro Kilowattstunde. Es war praktisch unmöglich, die wahren Kosten der Kernenergie zu beziffern.

Stromtransport und die Speicherung einbeziehen

Ein ähnlicher Wettbewerb spielt sich heute wieder ab. Solarparks in Saudi-Arabien produzieren den Strom angeblich für zwei Cent pro Kilowattstunde, also deutlich günstiger als ein Steinkohlekraftwerk. Wenn man allerdings den Stromtransport über Hunderte oder Tausende von Kilometern sowie die Speicherung einbezieht, ist die Energie plötzlich nicht mehr billig. Man darf nicht vergessen, den Rohstoff- und Flächenbedarf sowie das Recycling und die Entsorgung, also die Umweltkosten im weitesten Sinne, in die Rechnung einzubeziehen.

Energie ist nicht billig. Sie war nie billig und wird nie billig sein. Fossile Energierohstoffe gelten noch immer als billig, aber nur dann, wenn man die Umweltkosten vernachlässigt. Und auch die Erzeugung von Wärme und Strom aus erneuerbaren Energien zieht eine Reihe von Kosten nach sich, weil das Angebot an die Nachfrage angepasst werden muss. Wenn ein Solarpark in Bayern am Sonntagmittag den Strom für fünf Cent produziert, nützt mir das wenig, wenn ich am Montag morgens um sechs in Bielefeld meinen Kaffee kochen will.

Angesichts der exorbitanten Kosten des Klimaschutzes, die vermutlich jede Vorstellungskraft übersteigen, erscheint es zweitrangig, darüber zu diskutieren, welche der erneuerbaren Energien am billigsten ist. Letzten Endes hängt es immer von den Randbedingungen ab, ob Solarthermie, Photovoltaik, Windenergie, Biomasse oder Wasserkraft in einer bestimmten Region zu einem bestimmten Zweck am sinnvollsten genutzt werden kann. Dass wir die erneuerbare Energie in jedem Fall bezahlen können, hat sich längst herausgestellt. Die Kosten sind also nicht das Problem.

Lesen Sie hier die Einschätzung von Detlef Koenemann zur All Electric Society und zum steigenden Strombedarf einer auf Elektrizität fokussierten Energiewende.

2 Kommentare

  1. Die Argumentation von Koenemann wurde bereits 2006 vom ehemaligen Chefökonomen der Weltbank Nicholas Stern belegt, der vorgerechnet hat, dass „jeder Euro heute für den Klimaschutz bis zu 20 Euro an Klimaschäden in Zukunft vermeidet und wir daher schon aus rein ökonomischen Gründen rasch handeln sollten“. Bei der einzelnen Investitionsentscheidung ist dieses Argument jedoch nicht schlagend, da wird nicht volkswirtschaftlich entschieden sondern nach dem ökonomischen Vorteil im konkreten Fall. Die billigste Lösung ist da nicht immer die beste, wie Koenemann zeigt. Doch der Kostenwettbewerb zwischen fossil und erneuerbar wird bestehen bleiben, wenn sich das Spiel nicht verschiebt, d.h. die fossilen ihre gesamten Kosten selbst tragen. Stichwort CO2-Bepreisung. In einer Marktwirtschaft, wo Vernunftentscheidungen meist über den Preis getroffen werden, werden wir um dieses Instrument nicht herumkommen. Wir hoffen, dass Österreich dem Beispiel Deutschland ab 2022 folgt – gleich mit höheren CO2-Preisen, damit es schneller wirkt.

    • Die CO2-Bepreisung ist notwendig, um den Kostenwettbewerb zwischen „fossil“ und „erneuerbar“ in ein faires Gleichgewicht zu bringen. Aber wenn die „wahren Kosten“ schon vorher durch globalen Wettbewerb (Preisdumping durch die Rohstoff-Exporteure) und staatliche Maßnahmen (Steuerung und Abgaben) verschleiert wurden, wird die CO2-Bepreisung nicht viel ausrichten. Beispiel Benzinpreis: Einige Erdöl-Exportländer brauchen dringend Geld und verkaufen das Erdöl „unter Wert“, dadurch bleiben die Benzinkosten niedrig. Der deutsche Staat nutzt dies aus, um so viel Steuern und Abgaben aufzuschlagen, dass der Preis an der Tankstelle mehr als doppelt so hoch ist, also nur noch zum kleineren Teil aus den eigentlichen Benzinkosten besteht. Die CO2-Bepreisung müsste also sehr hoch sein, um den Benzinpreis so stark zu verteuern, dass ein Steuerungseffekt in Richtung Elektromobilität entstünde. Zumindest im Verkehrsbereich, in dem bisher alle Maßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes erfolglos blieben, müsste es zusätzlich zur CO2-Bepreisung noch weitere flankierende Maßnahmen geben, um eine Wirkung zu erzielen.

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